Von Lausanne nach Gland (Kanton Waadt)
Nach einer guten Nacht und einem leckeren Jugendherberge-Frühstück bin ich dann doch in Richtung Santiago de Compostela aufgebrochen :-). Es war bewölkt und regnete nicht – super! Der Weg führte immer am Seeufer entlang und ich kam gut voran.

Zwei Stunden später war ich in Morges, einem hübschen, sehr lebendigen Städtchen. Dort zeigte sich dann auch die Sonne. Am Eingang der Fussgängerzone gab es eine Konditorei. Ich habe draussen gesessen, ein Stück Apfelkuchen gegessen und einen Milchkaffee getrunken. In der Stadt war Markt (entlang der ganzen Hauptstrasse); den Spaziergang darüber habe ich sehr genossen. Auf dem Markt habe ich mir auch Mirabellen gekauft, die ich zu Hause schon vermisst hatte.
Der Weg führte dann abwechselnd durch Weinberge und direkt am Seeufer entlang. Die Wegführung schien mir gelegentlich unlogisch; ich hatte den Eindruck, im Zickzack durch die Landschaft zu laufen. An der Mündung eines schnell fliessenden Flusses in den Genfer See hatte ich dann das Gefühl, mich verlaufen zu haben. Da tauchte eine nette, deutschsprechende Frau auf, die mich beruhigte und mir den richtigen Weg zeigte.
In Rolle hätte ich gern übernachtet. Am Ortsanfang hing ein Schild an der Tür eines Privathauses, dass dort Pilger übernachten können. Auf mein Klingeln kam eine alte Frau zur Tür und lud mich in ihr Haus ein. Das war ein fantastisches Museum, mit alten Möbeln und viel bizarrem Zeugs. Sie hätte schon alle Zimmer vermietet, aber wollte mir helfen und andere Herbergen im Ort anrufen und dort für mich fragen. Das war schwierig, da sie die Telefonnummern anscheinend immer fehlerhaft eingab. Nach vielen Versuchen gab sie auf und ich musste weiter ziehen. Ich habe mich dann noch bis zu einer Schweizer Pilgerherberge im Örtchen Gland durchgeschlagen. Als ich sie nach langem Suchen endlich gefunden habe (in einem Gebäude eines High Tech Komplexes in der Pampa) stand ich vor verschlossenen Tür.
Und das steht in meinem Tagebuch über das, was danach passiert ist:
„Ich bin jetzt im einzigen Hotel im Ort – weiter kann ich nicht mehr – und habe zähneknirschend 115 Franken abgedrückt. Entschädigen will man mich mit einem ‘Pilgermenü’ für 20 Franken. Ich bin gespannt.
Ich bin anscheinend in einem Gourmet-Tempel gelandet. Ich wurde abseits vom Speiseraum für die feinen Gäste gesetzt (aber nicht in die Besenkammer) und konnte von meinem Platz das Wirken von gut 10 Köchen beobachten. Die wurden vom Chef beaufsichtigt, der sie mit lauten Worten immer wieder ‘motivierte’, ihr Bestes zu geben (meine Interpretation). Der Chef, der mich auch ins Hotel aufgenommen hatte, beaufsichtige auch, dass ich immer wieder etwas Neues zu Essen bekam. Aus was die verschiedenen Gänge genau bestanden, konnte ich nicht immer identifizieren und so habe ich das Ganze einfach als Jakobsweggeschenk akzeptiert. Zum vielgängigen Pilgermenu für tatsächlich 20 Franken gehörten Wein und Kaffee und zum Abschluss ein feiner Kognak. Der Nachtisch war, wie alles davor, ausgesprochen lecker.
Interessant fand ich dem Chef zuzuschauen: Er hat nebenbei eine Volksmusiksendung im Fernsehen geschaut und – wenn nichts für ihn zu tun war – ein bisschen mitgetanzt. Bei vielen Gerichten, die fürs Restaurant parat waren, hat er mit einem kleinen Löffel vorher probiert – immer mit dem gleichen, der oben in seiner Kochkitteltasche steckte. Sein Sohn ist übrigens einer der Köche dort. Zum Schluss hat mich der Chef noch gebeten, für ihn in Santiago de Compostela zu beten.“
Der Ort Gland ist unscheinbar und hat wenig Flair (basierend auf dem, was ich bisher gesehen habe). Es hat eine kleine Bahnstation für Nahverkehrszüge zwischen Lausanne und Genf. Neben dem Bahnhof gibt es eine Asylbewerberunterkunft für Schwarzafrikaner, die missmutig dreinblickend den Bahnhof belagerten. Nur 150 m entfernt befindet sich das Gourmet-Restaurant und dieser Kontrast ist kaum auszuhalten. Es hat hier so viele Asylbewerber, dass die locker das Restaurant besetzen könnten. Ich warte auf den Moment, an dem so etwas das erste Mal passiert…
Morgen am Sonntag gibt es hier im Hotel leider erst um 8 Uhr Frühstück. Ich werde also erst relativ spät Richtung Genf starten, aber sicher nicht bis dorthin kommen. Die Stadt ist noch weit weg.