Von Saint-Genix-sur-Guiers nach Les Abrets
Ich habe gut geschlafen in meinem Mietzelt, aber meine Ferien möchte ich nicht in so einem Ding verbringen. Auch einen längeren Aufenthalt auf so einem spiessigen Campingplatz kann ich mir nicht vorstellen.
Ich war der einzige Frühstücksgast im Campingplatz-Restaurant. Macht nichts; ich habe die Ruhe genossen und es war lecker.
Das Wandern mit Eli und unsere wunderbaren Gespräche habe ich sehr genossen. Aber auch allein bin ich gern unterwegs. Das war schon gestern so, und auch heute war das nicht anders.
Der französische Jakobsweg ist vorbildlich ausgeschildert mit gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund. Die Richtung der Streifen auf der Muschel geben die Laufrichtung an – nach links, nach rechts oder geradeaus – und Abzweige, die man nicht nehmen soll, sind mit einer durchgekreuzten Muschel gekennzeichnet. Trotz alledem ist es notwendig, mit den Gedanken immer am Weg zu bleiben, um den richtigen nicht zu verlieren.
Heute ist Sonntag und ich wollte wenigstens einen Teil davon ausruhen. Meine Tagesetappe war deshalb relativ kurz – etwa 15 km – und der Weg bis Les Abrets nicht besonders anspruchsvoll.
Les Abrets hat 3’000 Einwohner. Hier kreuzen sich mehrere Fernstrassen, die dem Ort das typische ‘Tankstellen-Supermarkt-Flair’ geben. Ein Hotel hat es nicht, und die 3 privaten Pilgerunterkünfte liegen verstreut am Ortsrand. Die erste war verwaist. Mmmh… geht das schon wieder los?
Es war Mittagszeit und ich war nicht nur ratlos, sondern auch hungrig. Als ein McDonalds vor mir auftauchte, beschloss ich, einen Burger zu essen und die Lage zu überdenken. Das Essen tat mir gut. Ich musste dabei an Eli denken, die immer darauf vertraut, dass sie Gott jeden Tag zu einem Schlafplatz führt. Mmmh…
Nach dem Essen habe ich die Adressen der anderen zwei privaten Pilgerunterkünfte mit Google-Maps gesucht. Einer davon war nur wenige Schritte vom McDonalds entfernt. Ich bin dorthin und stand bald vor einem schmucken Häuschen mit einem wunderbaren Garten. Alles stand offen, aber es war niemand da. Die untere Etage zum Garten – super gemütlich drinnen und draussen – war für Gäste eingerichtet.
Das Paradies hatte ich gefunden, aber durfte ich es betreten? Ich habe einen Nachbarn gefragt und der ermunterte mich, mich dort wie zu Hause zu fühlen. Und so setzte ich mich erst einmal auf einen der schönen Gartensitzplätze. Kurze Zeit später kam ein ausgesprochen nettes, französisches Wanderehepaar in meinem Alter (Patrick und Chantal), ebenfalls auf der Suche nach einem Schlafquartier. Patrick rief die Hausbesitzerin an und die teilte mir spontan das grüne Schlafzimmer und den Franzosen das violette Schlafzimmer zu. Einen Kühlschrank gab es voller Getränke, Zutaten für Tee und Kaffee zum selber Zubereiten, eine Preisliste und eine Kasse für Geld.
Wow – ein weiteres, völlig unverhofftes Jakobsweg-Geschenk! Gerade noch ratlos und jetzt im Paradies!

Duschen, verschwitzte Kleidung waschen, einen Tee kochen und im Garten abhängen. Danke, danke, danke!
Und die Krönung des Ganzen war das Abendessen, das uns die Hausbesitzerin gekocht hat. So viele Geschenke an einem Tag!