24. August 2015 – Tag 21

Von Les Abrets nach Le Pin

Und das steht über den gestrigen und heutigen Tag in meinem Tagebuch:

„Gestern habe ich mehrmals mit Patrick, Chantal und der Hausbesitzerin zusammengesessen und habe deren Gespräch in Französisch gelauscht. Ich habe gelegentlich ein Wort herausgehört, dass mir bekannt vorkam, konnte aber ansonsten dem für mich zu schnellen Wortwechsel nicht folgen. Mein Online-Französischkurs, den ich das letzte Vierteljahr gemacht hatte, hilft mir leider nur wenig, hier sprachlich klarzukommen. Ich bekomme, was ich brauche, aber habe damit nicht sprechen gelernt.

Patrick kann drei Wörter Englisch, Chantal keins. Jede weitere Verständigung geht mit den Beiden nur mit Händen und Füssen. Irgendwann gestern habe ich mich plötzlich sehr einsam gefühlt. Das Sprachproblem und die aufwendige Quartiersuche machen das Wandern in diesem Teil Frankreichs mühsam.

Nachts bin ich aufgewacht und es hat in Strömen geregnet. Das hat mich für eine Weile deprimiert und ich habe darüber nachgedacht, den Frankreich-Teil meiner Fernwanderung zu streichen und mit dem Zug an die französische/spanische Grenze zu fahren…

Irgendwie habe ich mich dann doch wieder berappelt, noch etwas geruht und dann mit Patrick und Chantal gefrühstückt. Draussen klärte es mal auf und dann regnete es wieder in Strömen. Da die Wettervorhersage ab morgen wieder Sonne voraussagt, hätte ich gern den Regentag in der heutigen Herberge verbracht, aber diese Option gab es nicht: sie war durch Voranmeldungen schon voll belegt.

Blick auf Valencogne zwischen Les Abrets nach Le Pin

Wir haben dann unsere Rucksäcke aufgesetzt und sind in einer trockenen Phase losgezogen. Die beiden Franzosen waren sehr langsam und so war ich schon bald weit voraus. Bis zum Ort Valencogne war es stark bewölkt, aber trocken. Beim folgenden Aufstieg in die Berge wurde es immer düsterer und schon bald fing ein sintflutartiger Regen an, der für lange, lange Zeit anhielt. Die Wege verwandelten sich in Bäche und machten das Laufen sehr mühsam. Im Wald war es sehr dunkel und meine Hörgeräte amplifizierten die Regengeräusche zu einem höllisch lauten Rauschen.

Zu meinem eigenen Erstaunen hat mich diese Sintflut aber nicht aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Ich war fest davon überzeugt, dass alles gut werden würde und so war es dann auch.

In Le Pin, einem der grösseren Orte der heutigen Etappe, lies der Regen nach. Aber da es ab dort wieder hoch in die Berge geht, habe ich beschlossen, es für heute gut sein zu lassen, mich auszuruhen und meine nassen Schuhe zu trocknen.

Etwas ausserhalb von Le Pin gibt es zwei Pilgerherbergen nebeneinander, eine noblere und eine einfachere. Die Tür der einfacheren Herberge war offen, aber auf mein Klingeln reagierte niemand. An der nobleren Herberge wurde ich sehr nett empfangen. Man fragte mich, ob ich von unterwegs für eine Reservierung angerufen hätte. Ich verneinte das und erklärte, dass ich das aufgrund meiner Hörbehinderung nicht kann. Trotzdem wurde ich abgewiesen. In dieser Herberge würden nur Wanderer mit telefonischer Reservierung akzeptiert. Wirklich…

Was nun? Weiterlaufen oder in die andere Herberge gehen? Die Tür stand ja offen…

Ich war nass und kalt und wollte nicht weiter durch den Regen stapfen. Ich habe meinen Rucksack geschützt an den Eingang gestellt, meine Schuhe ausgezogenen und mich in einen der zwei Wohn/Schlafräume gesetzt. Da ich verschwitzt war, fing ich auch drinnen bald an zu frieren. Soll ich meine Sachen auspacken und duschen?

Während ich über diese Frage nachsann, lief eine Frau um die 60 durch den Garten. Ich habe das Fenster geöffnet, mich vorgestellt und gefragt, ob ich hier übernachten könne. Sie nickte und holte ihren Mann, der etwas Deutsch spricht. Auch er begrüsste mich nett und wir wurden uns schnell einig: ich konnte bleiben, bekomme Abendessen und Frühstück, bevor ich dann morgen – hoffentlich bei Sonnenschein – weiterziehe.

Wunderbar – ich konnte endlich duschen und mir etwas Trockenes anziehen, bekam eine grosse Tasse heissen Tee und liess mich häuslich nieder. Da ich allein war, verteilte ich meine feuchten Sachen im ganzen Zimmer.

Schon bald kam der Hauswirt und kündigte zwei weitere Wanderer an. Und das waren Patrick und Chantal, die heute eigentlich noch 20 km weiterlaufen wollten. Sie hatten auch genug vom Regen und wir begrüssten uns wieder sehr herzlich. Eine Weile später kam noch ein französischer Pilger, ebenfalls auf dem Weg nach Santiago de Compostela und beide Zimmer der Herberge mit insgesamt 4 Betten waren belegt. Und wieder sitze ich am Tisch, an dem sehr schnell französisch geredet wird und ich verstehe wieder nur wenig. Jetzt gerade ist mir das aber egal; ich habe mich aus dem Gespräch ausgeklinkt und schreibe Tagebuch.“

PS. Das Abendessen war vom Feinsten, 4 Gänge und eine tolle Stimmung – mehr Jakobsweggeschenke!