12. August 2015 – Tag 9

Von Murten nach Payerne (Kanton Waadt)

Gestern beim Einschlafen hatte ich das Gefühl, dass ich zu schnell unterwegs bin. Ich komme nicht mit Tagebuchschreiben nach, habe keine Zeit zum Lesen, und auch nicht wirklich zum Ausruhen. So war das eigentlich nicht gedacht!

Frühstück sollte es um 7 Uhr geben, aber als ich runterging, waren Küche und Restaurant noch zu. Erst gegen 7:30 Uhr tat sich etwas. Ich frühstückte dann allein in einem Raum, in dem frische Luft fehlte. 

Blick auf die Altstadt von Murten

Bei meinem Abmarsch war es noch relativ frisch und ich kam zügig voran. Ich hatte mir einen Jogurt und ein Käsebrot vom Hotel mitgenommen und beides im hübschen Städtchen Avenches auf einer Parkbank verspeist.

Dann wurde es spürbar wärmer und es ging stets leicht bergauf. Es gab wenig Schatten und keine Sitzplätze am Wege. Die einzige Bank in einem steilen Stück war besetzt – von einem Franzosen, der auch nach Santiago de Compostela wollte. Der erste Jakopspilger, den ich treffe, sprach leider nur Französisch mit einem Akzent, den ich nicht verstand. Schade! Wir haben trotzdem lächelnd ein paar Sätze gewechselt, bevor ich weiterzog. 

In einer kleinen Ansiedlung mit ein paar Häusern am Wanderweg – der war dort ein befestigtes Strässchen – hielt plötzlich ein Auto neben mir und eine freundlich aussehende Frau in ungefähr meinem Alter fragte mich in Deutsch, ob sie mich zu einem Glas Wasser einladen könne. ‘Sie wohne nur 50 m entfernt, gleich dort beim Apfelbaum’ sagte sie. Ein solches unerwartetes, wunderbares Geschenk nehme ich immer gern an und das tat ich dann auch.

Am Apfelbäumchen neben ihrem Haus standen zwei Holzbänke übers Eck, die – wie sich später herausstellte – ihr Sohn gebaut hatte. Vorbeiziehende Pilger sollen dort die Möglichkeit haben auszuruhen.

Die Bänke wurden von der Sonne beschienen und so verlegten wir unser Treffen in eine schattige Ecke eines nach oben offenen Innenhofs mit mediterraner Bepflanzung; vor mir stand ein Olivenbaum und links neben mir eine Feige.

Frau S. – die kurz im Haus verschwunden war – kam zurück mit einer Karaffe köstlichen Wassers und zwei Gläsern. Wir tranken davon und im nu entwickelte sich ein ausgesprochen interessantes Gespräch.

Frau S. – früher Sängerin und heute Bildhauerin – ist selbst einmal ein Stück auf dem Jakobsweg gelaufen und hat grosse Sympathien für Jakobspilger. Sie hat mich als solchen erkannt, da ich eine Jakobsmuschel sichtbar am Rucksack trage.

Dort im Innenhof haben wir dann über unsere Leben gesprochen, über Lebenswendepunkte, auch über Träume, Wünsche und Ziele.

Gespräche, wie ich es mit Frau S. führte, bringen Wesentliches innerhalb kürzester Zeit auf den Punkt. Diese Gespräche haben in der Regel eine sehr grosse Tiefe und Intensität. Nur selten passiert das so zu Hause mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten.

Zum Abschied hat mir Frau S. drei Feigen aus ihrem Garten geschenkt. Die habe ich später – kurz vor Erreichen meiner heutigen Tagesetappe – an einem schattigen Plätzchen gegessen und dabei noch einmal über das wunderbare Gespräch nachgedacht. Danke, Frau S.!

Und fragen kann man sich an dieser Stelle einmal mehr, ob diese Begegnung Zufall war? Ich überlasse es dem Leser dieser Zeilen, das selbst zu entscheiden.

Direkt vor dem schattenspendenden Baum stand in einer Nische hinter Glas eine María mit dem Jesuskind. Die Maria war ausgesprochen hübsch und hatte einen sehr sanften Blick.

Marienstatue am Ende der Welt

In Payerne war die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit wieder schwierig. Es gab nichts für Pilger und nur wenige Hotels. Die preisgünstigste Übernachtungsmöglichkeit war das ‘Hotel De La Croix Blanche’. Das war auch das Hotel mit dem nettesten Chef, ein Türke, der dort Mieter und nicht Besitzer ist.

Nach Wäschewaschen und Duschen bin ich noch einmal in die Stadt gelaufen. An einer Apotheke wurden 42 Grad angezeigt. Das war eindeutig zu viel für eine Stadtbesichtigung.