26. August 2015 – Tag 23

Von La Côte-Saint-André nach Revel-Tourdan

In dem Hotel, in dem ich in La Côte-St-André untergekommen war, schien die Zeit schon vor einer guten Weile stehengeblieben zu sein. Mir gefiel das und ich habe das Frühstück in diesem verstaubten Ambiente sehr genossen.

Vor dem Start meiner heutigen Etappe bin ich noch einmal durch die die Altstadt gebummelt und habe mir die Kirche angeschaut. Dort war gerade Messe und so habe ich nur im hinteren Teil ganz leise die prächtigen, bunten Glasfenster angeschaut.

Und dann ging es bei strahlendem Sonnenschein weiter Richtung Südwesten, durch kleine Weiler, Felder und Wälder. Anfangs führte mich der Weg immer wieder ein Stück einen grünen Hügel hoch und den nächsten wieder runter, dann wurde es immer flacher und der Weg verlief zum Teil schnurgerade zwischen grossflächigen Mais- und Stoppelfeldern. Ich war ganz allein dort und liess meine Gedanken fliegen. Dort ist auch das heutige Bild entstanden.

Karge Landschaft zwischen La Côte-Saint-André und Revel-Tourdan

Am späteren Vormittag bekam ich Lust auf eine grosse Schale Milchkaffee. Im nächsten grösseren Ort gab es tatsächlich eine Bar, in der mein Wunsch Wirklichkeit wurde. Direkt gegenüber gab es eine Bäckerei; dort bekam ich für meine Mittagsrast eine kalte Pizza mit Käse und Schinken.

Für die Mittagsrast bin ich noch zum nächsten grösseren Ort mit schöner Kirche ganz oben auf einem Hügel gestiegen. Im Schatten der Kirche sass schon Gail, ein französischer Jakobspilger aus der Nähe von Genf. Mit Gail hatte ich schon gestern interessante Gespräche – mal lief ich vorn und mal er – und immer beim Überholen haben wir ein paar Gedanken ausgetauscht.

Während unserer gemeinsamen Mittagspause oben auf dem Hügel im Schatten der Kirche habe ich dann mehr über Gail erfahren: Er ist 32 Jahre alt, hat begonnen, Gartenarchitektur zu studieren und das abgebrochen. Er ist nun Postbote und überzeugter Single – er möchte für niemand ausser sich selbst Verantwortung übernehmen. Er hat die Natur gern und ist um Genf viel allein in den Bergen unterwegs. Als sein Arbeitsvertrag auslief, beschloss er, ein längeres Stück zu laufen. Daraus wurde dann der Jakobsweg von Genf nach Santiago de Compostela.

Nach der verplauderten Mittagspause sind wir noch ein Stück zusammen gelaufen, und dann wieder jeder für sich alleine. Etwas ratlos waren wir beide bezüglich des nächsten Nachtquartiers. Auf den nächsten 100 km gibt es nicht sehr viele. Klar war, wo die heutige Etappe enden würde: im Ort Revel-Tourdan mit 1’000 Einwohnern, nach dem es für die darauffolgenden 20 km keine Schlafmöglichkeit mehr gibt.

In Revel-Tourdan gibt es laut Wanderführer drei Unterkünfte: ein Hotel, dass jeden Mittwoch zu hat – leider ist heute Mittwoch – und zwei private Pilgerunterkünfte. Bei beiden hat Gail angerufen und Absagen erhalten. Sie haben zurzeit ganz zu, wie sich später herausstellte. Diese Auskünfte machten uns natürlich ratlos, aber wir beschlossen trotzdem, bis nach Revel-Tourdan weiterzulaufen, denn davor gab es auch keine Übernachtungsmöglichkeit.

Im ausgestorben wirkenden Ort angekommen, standen wir bald vor den geschlossenen Herbergen. Was nun?

Meine Wasserflaschen waren leer und die Brunnen von Revel-Tourdan abgestellt. In so einem Fall wird im Wanderführer empfohlen, zum Amtssitz des Bürgermeisters zu gehen. Dort gibt es oft eine öffentliche Toilette oder im Amt einen öffentlichen Wasserhahn.

Gail sah sich die Kirche an, während ich zum Amtssitz des Bürgermeisters stapfte. Eine öffentliche Toilette gab es dort nicht. Im Haus fragt mich eine nette Frau, was ich wolle. Ich erklärte mein Anliegen und sie zeigte mir, wo ich den Wasserhahn finde. Wir kamen ins Gespräch und ich erklärte ihr, dass ich eigentlich auf der Suche nach einem Nachtquartier wäre, aber im Ort alle Herbergen geschlossen sind. Das sollte nicht sein, sagte sie und entschuldigte sich; sie müsse kurz ein Telefonat führen. Kurze Zeit später kam sie zurück und erklärte mir, dass wir im Pilgerhotel übernachten könnten, der Hotelbesitzer würde uns erwarten.

Und so war es dann auch. Der Hotelbesitzer führte uns in ein geräumiges Zimmer mit zwei Betten, zeigte uns, wo die Dusche ist und erklärte, dass es um 19 Uhr Abendessen gäbe und um 7 Uhr am nächsten Morgen Frühstück. Ich war sprachlos; wir waren die einzigen Gäste.

Ein weiteres Jakobsweg-Geschenk, und dieses Mal ein ganz, ganz grosses!

Ich habe an dieser Stelle ja schon mehrmals über ‚unglaubliche Zufälle’ auf dem Jakobsweg geschrieben. Wirklich, Zufälle… ?

Gelernt habe ich später, dass der Hotelbesitzer Hobby-Autobastler ist und an seinem freien Mittwoch genau das macht, in einer Werkstatt neben dem Hotel. Das Abendessen für uns hat er neben seiner Bastelei zubereitet und war kein Gourmetfood. Aber es war mit Liebe für uns gemacht. Danke!!! Ich habe es gern gegessen.