8. September 2015 – Tag 36

Von Saint-Alban-sur-Limagnole nach Aumont-Aubrac

Vom Saint-Alban-sur-Limagnole bis nach Aumont-Aubrac – meinem gestrigen Etappenziel – waren es nur gemütliche 16 km mit leichtem auf und ab auf einer Hochebene auf über 1’000 Höhenmetern. Die nächste, sichere Übernachtungsmöglichkeit gab es erst wieder in 26 km; die heute noch anzuhängen war mir zu viel. Einfach einmal ein paar Stunden die Füsse hochzulegen ist ja auch nicht schlecht!

Drei Pilgerbrüder mit einem gemeinsamen Ziel

Mein heutiges Bild entstand, als mich heute 3 Pilgerbrüdern überholten: Einer davon ist Alex, ein junger, sehr gläubiger Franzose. Er war vor ein paar Tagen noch ‚Schnellwanderer’, aber hat inzwischen starke Schmerzen im rechten Fuss und ist dadurch gezwungen, langsamer zu laufen und weniger pro Tag.

Matthias ist ein junger Deutscher, der auch zu Hause losgelaufen ist und mir erzählt hat, dass er oft mittags schon 20 km gelaufen ist und weil es dann noch zu früh wäre, um ein Nachtquartier zu suchen, nochmal 20 km dranhängt. Der Schnellwanderer Matthias trifft den humpelnden Alex und beschliesst, sich um diesen zu kümmern und läuft mit ihm zusammen plötzlich nur noch 15 km am Tag.

Der Dritte im Bunde ist ein Franzose, der irgendwie gut zu Alex und Matthias passt. Und so laufen sie jetzt zu dritt langsam und machen dabei einen sehr zufriedenen Eindruck.

Ich treffe immer mal wieder eine Französin – ich schätze sie auf Anfang 50 – die mit ihrem Vater unterwegs ist, der sicher 75 Jahre alt ist. Sie hat mir erzählt, dass ihre Mutter vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist. Vater und Tochter sind nun auf dem Jakobsweg unterwegs im Gedenken an die tote Mutter. Die Beiden gehen ausgesprochen herzig miteinander um.

Heute bin ich für ein paar Stunden mit einer farbigen Frau aus Montreal gelaufen – Anick ist Ende vierzig – die mir aus ihrem Leben erzählt hat. Als Produkt einer kurzen sexuellen Beziehung ohne Zukunft wurde sie in einem Waisenhaus gross. Sie ist inzwischen selbstständige Unternehmensberaterin und lebt allein. Sie reist gern und viel. Orte, die sie besucht und gern hat, habe auch ich besucht und gern. Wir haben lange über die Probleme der aktuellen Migrationsströme und deren mögliche Folgen gesprochen, und auch über die Digitalisierung unserer Welt und die Menschen, die dem nicht mehr folgen können. Danach haben wir uns getrennt. Anick ist schneller unterwegs als ich und ich nehme an, dass ich sie nicht mehr wiedersehen werde.

Jeder Tag auf dem Jakobsweg bringt mich mit einer Vielzahl von Menschen zusammen, die neugierig sind auf mich und bereit sind, von sich zu erzählen. Für mich ist das der faszinierendste Teil des Pilgerns.