Von Saint-Julien-Molin-Molette nach Les Sétoux
Gestern Nacht in St-Julien-Molin-Molette habe ich in einem runtergekommenen, alten Haus im Zentrum des Städtchens geschlafen. Dort gibt es ein Radiostudio – es sah nach ‚alternativ, nicht-kommerziell’ aus – und ein Zimmer für Pilger mit 3 Doppelstockbetten und einer schmuddeligen Selbstversorgerküche. Ich habe nicht herausgefunden, wer das Pilgerzimmer eingerichtet hat; 10 Euro hat das Übernachten dort gekostet.
Dort traf ich den französischen Pilger Thieri, knapp 65 Jahre alt, auch etwas runtergekommen, aber sehr nett, der ein Teilstück des französischen Jakobswegs läuft.
Nach Duschen, Wäschewaschen und Bettbeziehen bin ich die paar Schritte ins Stadtzentrum gelaufen. Ich hatte dort eine Pizzeria gesehen und hätte gern einen Salat und eine Pizza gegessen, und ein Bier dazu getrunken. Die Pizzeria war zu und auch alle anderen Kneipen, Bars und Restaurants. Die Stadt war völlig tot! Ich habe dann stattdessen in der Schmuddelküche gesessen und eigenen Proviant gegessen. Bald danach sind meine Augen zugefallen.
Nachts bin ich aufgewacht und habe an die Berge gedacht, die ich die nächsten Tage übersteigen muss. Der höchste Pass ist 1’400 m hoch. Werde ich mich bei grosser Hitze darüber quälen müssen? Wird es weiter so schwer sein, unterwegs ausreichend zu essen und zu trinken zu bekommen – es gibt fast keine Läden oder Wasserstellen? Die Frage, warum ich mir das antue, kam mir natürlich auch…
Heute Morgen fühlte ich mich wieder besser. Ich habe ein kleines Frühstück in der ‚Schmuddelküche’ gegessen und bin dann ins Städtchen, um einen Kaffee zu trinken. Wieder hatte ich kein Glück, alle Bars und Cafés waren immer noch zu.

Also los zum nächsten Ort, knapp 8 km entfernt, und wieder ging es über einen 700 m hohen Pass. Mit Thieri habe ich den in Angriff genommen. Plötzlich tauchte Gail auf und wir waren zu dritt. Der Pass war bald überschritten. Der nächste Ort – Bourg-Argental – gefiel mir. Dort bekam ich endlich meinen Milchkaffee, habe Proviant eingekauft und die Kirche angeschaut.
Und dann ging’s mit gut zu bewältigender Steigung in die Berge. Es war kühler als gestern, der Weg verlief oft im Schatten von Bäumen, und ich fühlte mich wieder viel stärker.
Hoch oben stiess der Weg auf eine stillgelegte Bahnlinie. Wo einst Schienen waren, gab es nun eine schmale Teerstrasse. Die Tunnel und die Viadukte gibt es noch und die Aussicht auf die Berge von der ehemaligen Trasse war fantastisch. Dort oben trafen wir dann auch wieder Adolf und Karin.
Adolf und Karin hatte ich schon gestern kennengelernt. Beide sind pensionierte Lehrer/innen. Adolf ist 74 Jahre alt und Karin 66. Sie laufen den Jakobus-Weg (so nennt sie ihn) in Etappen und schliessen – zum 12ten Mal unterwegs – die letzten Lücken. Beide machen einen sehr rüstigen Eindruck, sie läuft unterwegs immer 10 m voraus und gibt Anweisungen, z.B. zu Richtungsänderungen, und er immer hinterher. Sie lassen ihr Gepäck übrigens transportieren und haben alle Quartiere vorgebucht.
Wir sind dann in verschiedensten Kombinationen zusammen gelaufen, manchmal auch jeder für sich. Thieri war bald abgehängt – er läuft sehr langsam – und zum Schluss waren Gail und ich weit vorn. Oberhalb von 1’000 Höhenmetern gibt es nur noch Nadelwald und es roch fantastisch nach Harz. Der Weg zum Pass zog sich noch ordentlich in die Länge, aber auch der war irgendwann geschafft. Endlich oben – ich war glücklich!
In der Wanderherberge nach dem Pass endete gerade eine Familienfeier. Dort wurden Gail und ich reichlich mit Essen- und Trinkenresten beschenkt. Die Wanderherberge war heute Nacht von einer geschlossenen Gruppe belegt und so hat uns die Herbergsmutter ein paar Kilometer weiter in eine andere Herberge gebracht. Morgen um 8 Uhr holt sie uns wieder ab und fährt uns zurück zum Ausgangspunkt.
Die Ausweichherberge war Teil eines Gutshofs mit eigener Kirche, aber alles schien auch dort völlig ausgestorben zu sein. Um den Gutshof weideten Kühe; deren Glocken bimmelten sehr schön.
Ein Handy-Netz gibt es ums Haus keins, aber im Haus hat es WLAN und somit kann ich Emails senden und empfangen.
Der Jakobspilger Philip war auch in dieser Herberge gelandet; er ist frühpensionierter Privatbanker aus der Nähe von Genf. Er möchte sein Leben ändern und ist deshalb auf dem Jakobsweg unterwegs. Philip hat von der Herbergsmutter eine grosse Menge Nahrungsmittel bekommen, einschliesslich Fleisch für mehrere Personen, das er zubereitet und mit uns geteilt hat. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
Morgen geht es noch weiter und höher in die Berge. Ich bin gespannt, was mich dort erwartet.