Vom Kloster Roncesvalles nach Zubiri
Ich bin nun seit über zwei Monaten zu Fuß von Basel nach Santiago de Compostela unterwegs und habe inzwischen Spanien erreicht. Bin ich eigentlich bis hierhin gewandert oder gepilgert?
Es ist eine uralte Sehnsucht der Menschen aus dem Alltagstrott ausbrechen, Bekanntes hinter sich lassen, neue Wege zu suchen, den ‚wahren’ Sinn des Lebens zu finden. Diese Sehnsucht ist die Triebfeder der Menschen, die pilgern gehen, und das gilt auch für mich.
Das Wort ‚pilgern’ geht zurück auf das lateinische ‚pergere’ bzw. ‚per agere’, das übersetzt werden kann mit ‚über den eigenen Acker hinausgehen’ oder ‚in der Fremde sein’. Eine Pilgerin/ein Pilger bricht also auf, um den eigenen Acker, die eigene Lebenswelt zu verlassen; sie/er begibt sich in die Fremde. In der Regel geht die längere Fuss-Reise zu einer religiös verehrten Stätte, wie z.B. nach Jerusalem (die Stadt Jesu), nach Rom (die Stadt der Apostel Petrus und Paulus) oder Santiago de Compostela (die Stadt von Jakobus dem Älteren). Beim Pilgern ist der Weg zu dieser Stätte ebenso wichtig wie die Stätte selbst.
Pilgern ‚lüftet den Kopf aus’ und ermöglicht es, sich ‚neu zu erden‘. Das Schritt-für-Schritt Vorangehen, das ganz ‚bei-seinen-Sinnen-Sein‘ in der Natur führt zur eigenen Mitte. Manche entdecken beim Pilgern erst, wieviel Lebenskraft und Lebensfreude in ihnen schlummert. Das ist besonders hilfreich, wenn in der momentanen Lebensetappe ein ‚Berg‘ vor einem liegt, der bewältigt werden will.
Ganz klar bin ich bis Spanien gewandert, aber mein Wandern hat auch spirituelle und religiöse Aspekte und wird somit zum Pilgern.
